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*** Pelikanblut ***


 

ouatih kritik

Autor: Walter Hummer
 
Was soll eine Mutter mit einem Kind machen, das Furchtbares erleben musste und nun kein Kind wie andere Kinder ist? Katrin Gebbe hat darüber einen Film gemacht …
 
Was ist denn in Dich gefahren?
 
Wiebke lebt zusammen mit ihrer neunjährigen Adoptivtochter Nicolina glücklich auf ihrem Pferdehof. Um das Glück zu vervollständigen, soll Nicolina eine kleine Schwester bekommen. Also adoptiert Wiebke die fünfjährige Raya aus einem Waisenhaus in Bulgarien. Zunächst scheint alles in Ordnung. Aber dann kommt es zu Zwischenfällen mit der kleinen Raya. Zu spät erfährt Wiebke von der furchtbaren Vorgeschichte ihrer Tochter. Selbst als Rayas Verhalten zur Bedrohung für die Familie und andere wird, will die Mutter ihr Kind nicht aufgeben …
 
Frühkindliche Traumatisierung ist ein Thema, über das kaum je berichtet oder gesprochen wird. Und wenn dann nur in Zusammenhang mit auffälligem Verhalten von Kindern und Jugendlichen. Über die die damit einhergehende Belastung für Adoptions- oder Pflegefamilien gibt es nur wenige Berichte. Vielleicht war es Zeit für einen Film über dieses Thema.
 
Ein Kind mit einer Störung, wie sie Raya im Film zeigt, kann unter Umständen lange Zeit „normales Verhalten“ imitieren, um dann bei unterschiedlichen Gelegenheiten Aggressionen oder andere abnorme Verhaltensmuster zu zeigen. Und so ähnlich verhält es sich auch mit Katrin Gebbes Drehbuch. Zunächst sehen wir einen „normalen“ Problemfilm, der nur langsam in Schwung kommt. Wiebke trainiert Polizeipferde und natürlich gibt es unter diesen ein Pferd mit Problemen. So können später, im weiteren Verlauf des Films, recht plumpe Parallelen zwischen „Problempferd“ und „Problemkind“ gezeigt werden.
 
 
Subtil ist nur wenig an Gebbes Drehbuch. Ein furchtbares Bild aus frühchristlicher Ikonographie wird in einer der ersten Szenen gezeigt, damit der Filmtitel geklärt ist. Die Beamten der Reiterstaffel stellen sich ungeschickt an, damit wir alle sehen, wie toll die Heldin den Umgang mit Pferden draufhat. Später macht eine Polizeibeamtin etwas furchtbar Dummes, weshalb ein Pferd erschossen werden muss, damit man praktischerweise einen Pferdekadaver rumliegen hat, wenn man ihn gerade braucht.
 
Auch Gebbes Regie ist nicht subtil. Beim ersten Zusammentreffen von Mutter und Tochter erklingen Sphärenklänge. Wenn das Kind kurz darauf nachts am Bett der Mutter steht, spielt das Klavier einen düsteren moll-Akkord. So wissen wir, nun wird es gruselig. Eine Autofahrt führt durch unrealistisch wirkenden Regen. So wird jedem klar, das ist nun traurig. Das wirkt alles nicht besonders elegant. Die Regie ist also etwas plump geraten. Es ist aber das Drehbuch, dass Katrin Gebbe ebenso überfordert wie das Kind die Mutter überfordert.
 
Aber so wie die Mutter die dunklen Seiten des Kindes nicht wahrhaben will, will man am Drehbuch zunächst auch nur das Gute sehen. In einer der stärksten Szenen des Films hat die Heldin von einem Experten, an den sie sich selbst gewandt hat, nicht das gehört, was sie hören wollte. Prompt sitzt sie in der nächsten Einstellung am Computer und googelt sich eine absurde Lösung für ihr Problem zusammen, die ihr besser in den Kram passt. Diese Szene könnte ein großartiger Kommentar auf unsere Zeit sein, in der so viele Menschen nicht mit unbequemen Realitäten umgehen können oder wollen.
 
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Ich gebe Dich nicht weg! (Spoiler)
 
Leider muss man befürchten, dass die Szene gar nicht so gemeint ist. Wenn Wiebke feststellen muss, dass Raya eine Gefahr für Nicolinas und ihr Leben darstellt und sie das Kind im letzten Moment doch nicht in eine passende Einrichtung bringt, gerät der Film ins Schleudern. Wenn die Mutter den bösen Geist in ihrer Tochter von einer Schamanin vertreiben lassen will, trägt es den Film leicht aus der Kurve. Und wenn die Schamanin nach einem Fehlversuch meint, es gäbe noch einen Weg, „Aber das ist schwarze Magie. Die hat immer ihren Preis.“ überschlägt sich der ganze Film und kommt neben der Straße auf dem Dach zu liegen.
 
Aber das ist wohl auch eine Frage der Wahrnehmung. Gerade bei Kindern wollen viele Eltern nur wahrnehmen, was ihnen ins Bild passt. Gegen Bettnässen lässt man schon mal pendeln. Grundschüler müssen ihre „Gehirnknöpfe“ rubbeln, um gute Noten zu erzielen. Und nicht wenige Eltern sind der Überzeugung „Indigo-Kinder“ großzuziehen oder hängen anderen „alternative Ideen“ an. Man kann in unserer modernen Zeit im Film eine Mutter zeigen, die eine diagnostizierte Störung ihres Kindes nicht durch eine entsprechende Therapie sondern durch Pfählen eines Pferdekopfes behandeln lässt. Das aber als Happy End stehen zu lassen, ist zumindest bedenklich. Nina Hoss („Anonyma“) hatte vielleicht ähnliche Bedenken.
 
Sie vermittelt während der ersten zwei Drittel des Films vor allem Ratlosigkeit, aber keine Entwicklung ihrer Figur. Ihre Verzweiflung im weiteren Verlauf des Films ist zwar nachvollziehbar, rechtfertigt aber den absurden Schluss nicht. Die überflüssige Liebesgeschichte scheitert unter anderem daran, dass man sich nicht vorstellen kann, welcher vernünftige Mann an dieser Wiebke so lange Zeit Interesse haben könnte.
 
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Murathan Muslu („Risse im Beton“) spielt tapfer gegen die fehlende Chemie zwischen ihm und Nina Hoss an. Aber in einem Film, der Mutterliebe über Wissenschaft stellt, kann der Mann nur verständnislos danebenstehen.
 
Großartig hingegen sind die Leistungen der beiden jüngsten Darstellerinnen. Die kleine Katerina Lipovska schafft als Raya das Kunststück, dem Publikum Angst vor einer Fünfjährigen zu machen. Wenn Teile des Films als Thriller funktionieren, dann liegt das vor allem an ihrer intensiven Darstellung.
 
Adelia-Constance Giovanni Ocleppo bildet mit ihrer Darstellung der „guten Tochter“ Nicolina das emotionale Zentrum des Films. Sie ist es, mit der sich der Zuseher identifizieren kann, nachdem ihm das mit der Figur der Mutter nicht mehr gelingen mag. Die junge Dame spielt mit einer erfrischenden Natürlichkeit und vermittelt uns die Angst und die Frustration eines Kindes, das sich von der geliebten Mutter im Stich gelassen fühlt.
 
Fazit
 
Mit der richtigen Autorin und der richtigen Regisseurin könnte man einen Film drehen, der eine starke Geschichte über Mütter und Problemkinder erzählt und die Öffentlichkeit auf das Problem frühkindlicher Traumatisierung aufmerksam macht. Katrin Gebbe ist weder diese Autorin noch diese Regisseurin.
 
 
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