DKDL 160x600 Wide Skyscraper Dis Kinoservice JETZT TS

 
nflix news

*** Come On, Come On ***

 
dfdh kritik
 
Autor: Walter Hummer
 
Im Englischen gibt es wunderbare Redewendungen, die bestimmte Phänomene treffend beschreiben und bisher leider kaum eine deutsche Entsprechung haben. Eine davon trifft auf Autor und Regisseur Mike Mills und seinen neuen Film zu.
 
What makes you happy?
 
Der von Joaquin Phoenix gespielte Johnny ist Single, lebt in New York und arbeitet für das Radio. Das Verhältnis zu seiner in Los Angeles lebenden Schwester Viv war schon vor dem Tod der Mutter nicht das Beste. Als Johnny sie am ersten Todestag der Mutter anruft, erzählt Viv, sie müsse sich um ihren getrennt lebenden Ehemann kümmern, der an einer bipolaren Störung leidet. Johnny erklärt sich bereit, in der Zeit auf seinen neunjährigen Neffen Jesse aufzupassen. Aber das gestaltet sich schwieriger als erwartet …
 
Ich liebe die englische Redewendung „full of oneself“. Das Cambridge Dictionary erläutert „full of yourself = thinking that you are very important in a way that annoys other people”. Collins Dictionary meint, “If you say to someone 'you're full of yourself', you disapprove of them because they appear very pleased with themselves, thinking that they are very clever, special, or important.” Es klingt sicher hart. Aber Autor und Regisseur Mike Mills ist so “full of himself”, dass sogar sein neuer Film völlig “full of itself” ist.
 
 
Wir alle können manchmal “full of ourselves” sein. Ich bin öfter mal ein bisschen “full of myself”. Zum Beispiel, wenn ich mich darüber lustig mache, dass der deutsche Verleih den Originaltitel „C’mon C’mon“ zu „Come on, Come on“ geändert hat (wem wollte man damit helfen und wie?). „Being full of oneself“ ist menschlich. Manche Menschen sind mehr und andere weniger „full of themselves“. Und ab und zu muss das eben raus. Ich selbst lasse es in manchen meiner Rezensionen raus. Und viel zu oft wenn sich jemand mit mir unterhält. Wichtig ist, dass man sich dessen bewusst ist und sich bald wieder zusammenreißt.
 
Zu Beginn von „C’mon C’mon“ (oder „Come on, Come on“, wenn man die deutsche Verleihversion sieht) sehen wir Johnny, wie er Kinder und Jugendliche interviewt. Die Fragen sind sehr allgemein gehalten. „Wie stellst Du Dir die Zukunft vor?“, „Was macht Dich glücklich?“ und Ähnliches. Aber die Antworten der jungen Leute klingen einfach lächerlich. Johnnys halbwüchsige Interviewpartner artikulieren alle wie Medienprofis und geben nur wunderbar reflektierte Antworten und tiefe Einsichten zum Besten. Die Dialogstellen, die Drehbuchautor Mills den jungen Leuten in den Mund legt, klingen kaum nach Kindern oder Jugendlichen.
 
Mike Mills lässt uns hier pseudo-philosophische und pseudo-intellektuelle Einsichten hören, die er gerne von Kindern und Jugendlichen hören möchte. An einer Stelle fragt Johnny ein Mädchen, welche Superkraft sie gerne hätte. Das Kind antwortet, sie möchte gar keine Superkraft haben. Sie selbst zu sein, wäre ihre Superkraft. Das ist eine Antwort, wie man sie von Vierzigjährigen die nur zwölf Bücher im Regal stehen haben bei Selbsterfahrungswochenendworkshops in der Rhön hört. Aber doch nicht von einem Kind.
 
01 ©2022 DCM Julieta Cervantes03 ©2022 DCM Julieta Cervantes04 ©2022 DCM Julieta Cervantes05 ©2022 DCM Tobin Yelland
 
Hätte Mike Mills nur Johnnys Interviewpartner als Sprachrohr für seine halbgaren philosophischen Einsichten benutzt, hätte der Film noch durchaus ansprechend werden können. Die Idee, Konflikte aus der Kindheit des erwachsenen Protagonisten während der mit seinem Neffen verbrachten Zeit wieder aufkommen zu lassen, hatte enormes Potential. Die Entscheidung, die moderne Geschichte in schwarz und weiß zu zeigen, sorgt für überaus interessante Bilder. Kameramann Robbie Ryan („Slow West“, „Marriage Story“) stellt die Strände und weiten Straßen Südkaliforniens der Enge New York Citys gegenüber. New Orleans wird leider nur in wenigen aber sehr stimmungsvollen Bildern gezeigt.
 
Man hätte Mike Mills gerne verziehen, dass er seinen Film nicht in der realen Welt spielen lässt. Die Protagonisten sind alle Intellektuelle. Sie haben nur emotionale Probleme. Niemals könnte sie so etwas Profanes wie wirtschaftliche oder andere weltliche Probleme davon abhalten, das zu tun, was sich für sie „richtig anfühlt“. In der Welt wie Mike Mills sie sieht, kann man wochenlang Interviews für eine Radiosendung machen und trotzdem mitten in Manhattan leben und hat immer noch jederzeit Geld für Flugtickets und Restaurants. In dieser Welt kann man einen Neunjährigen auch einfach aus der Schule nehmen, um mit ihm auf Reisen zu gehen. Und man bekommt in den USA innerhalb weniger Tage einen Therapieplatz.
 
06 ©2022 DCM Tobin Yelland07 ©2022 DCM Tobin Yelland.jpg08 ©2022 DCM Julieta Cervantes09 ©2022 DCM Tobin Yelland
 
Your generation is completely lost
 
Offensichtlich steht die Hauptfigur Johnny stellvertretend für Mike Mills. Wenn Johnny sich selbst immer wieder seine Gedanken ins Mikro spricht, ist das Mike Mills, der sich hier auf wenig subtile Weise mitteilt. Aber Mike Mills ist so „full of himself“, Johnnys Interviewpartner, Johnny selbst und oft genug Johnnys Schwester Viv reichen ihm noch immer nicht als Sprachrohre für das, was er uns mitzuteilen hat. Mills muss auch noch den neunjährigen Jesse wie einen Erwachsenen sprechen lassen, der ein halbes Buch über Psychologie gelesen hat und sich jetzt für einen Therapeuten hält.
 
Dieser Neunjährige fragt seinen Onkel unter anderem wörtlich, „Do you have trouble expressing your emotions?“. An anderer Stelle fragt er, „Why do you and my mom not act like brother and sister?“. Als Johnny mit Jesse darüber spricht, dass er mit ihm nach New York City gekommen ist, meint das Kind „I really had no choice”. Und über seine Mutter sagt er aus heiterem Himmel, „I heard, that she had an abortion.“. Wenn der Neunjährige mit den Beiträgen seines Onkels zum Gespräch nicht zufrieden ist, unterbricht er ihn auch schon mal mit „blablabla“.
 
Vielleicht meinen die Leser*innen an dieser Stelle, der neunjährige Jesse könne vielleicht deshalb wie ein sehr nerviges Mitglied einer Selbsthilfegruppe sprechen, weil er ja einen Therapiepatienten in der Familie hat. Sein Vater muss wegen einer bipolaren Störung stationär behandelt werden. Aber hier hat es sich Drehbuchautor Mike Mills leider viel zu leicht gemacht. Denn dieser ungemein aufmerksame, analytische und alles infrage stellende Neunjährige, weiß gar nicht, warum sein Vater weg ist. Das Kind hat keine Ahnung. Um noch eine englische Redewendung zu bemühen, Mills wants to have his cake and eat it too.
 
Mike Mills will uns mit seinem Film seine Ansichten zur Kindererziehung aber auch zum Leben, zum Universum und zum ganzen Rest vermitteln. Daran ist zunächst gar nichts verkehrt. Ein Filmemacher kann und soll zu seinem Publikum sprechen. Aber Mills geht kein bisschen subtil vor. Tatsächlich spricht er nicht einfach zu seinem Publikum. Er erklimmt bereits in den ersten Minuten seines Films eine Kanzel und fängt an zu predigen. Und dann hört er nicht mehr damit auf. Nicht einmal, wenn ein Neunjähriger spricht.
 
Sorry, but Mike Mills is really full of himself.
 
Dabei ist Mills Botschaft ebenso vage wie einfallslos. Kinder sind irgendwie die besseren Menschen. Ach, wären wir doch alle mehr wie Kinder. Kinder sind so ehrlich. Kinder sind so authentisch. Kinder durchschauen die Welt der Erwachsenen und so weiter und so abgedroschen. Und weil Kinder so perfekt sind, dürfen wir ihnen auch nie Grenzen aufzeigen und dürfen sie immer nur bestätigen. Alles muss sich immer um das Kind drehen.
 
In „C’mon C’mon“ sehen wir lange Szenen, während derer sich der Erwachsene zunächst darauf vorbereitet und sich dann wortreich bei dem Neunjährigen entschuldigt. Und wofür? Dafür, dass er ungehalten war, nachdem der kleine Klugscheißer plötzlich weggelaufen ist. Entschuldigt sich der Neunjährige? Natürlich nicht. Wozu auch? Ich kann mich nicht einmal erinnern, von ihm während des Films jemals ein Wort des Dankes gehört zu haben. Tja, das Kind ist eben wichtiger und klüger als jeder Erwachsene.
 
Und so verblassen die Leistungen der erwachsenen Darsteller. Joaquin Phoenix („Joker“) lässt in wenigen Szenen einen sensiblen Charakter aufblitzen, der sich in seinem Leben zu bequem eingerichtet hatte. Gaby Hoffmann („Now and then“) spielt eine Frau, die meint, es schwer zu haben. Aber der Film lässt uns keine der beiden Geschwister kennenlernen. Kurze Rückblenden und wenige Dialogzeilen lassen auf weitzurückreichende Konflikte in der Familie schließen. Doch Mike Mills verliert diesen Handlungsfaden bald komplett aus den Augen. Schnell ist die Figur des neujährigen Jesse Dreh- und Angelpunkt des ganzen Films.
 
Wie so viele Eltern, stellt auch Mike Mills das Kind in den Mittelpunkt. Alles bezieht sich nur auf das Kind. Die erwachsenen Protagonisten existieren nur für und in Beziehung zu diesem Kind. Davon abgesehen haben sie kein Leben. Und wie bei so vielen Eltern, lässt diese unreflektierte Konzentration auf das Kind und nur das Kind eben dieses Kind schnell unsympathisch werden.
 
Vielleicht ist der junge Woody Norman ein ganz reizender Junge und wird einmal ein toller Schauspieler. Am Ende von „C’mon C’mon“ möchte man nur noch, dass seine Mutter ihn endlich abholt.
 
Fazit
 
Es ist immer anstrengend, jemandem zuzuhören, der „full of himself“ ist. Und altkluge Kinder werden schnell lästig. Sich beides 109 Minuten lang in einem Film anzutun, ist einfach ermüdend. Da helfen die schönsten Schwarzweißbilder nichts.
 
 
Unterstütze FantasticMovies.DE: