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*** Sommer 85 ***

 
dfdh kritik
 
Autor: Christopher Diekhaus
 
Eine sommerliche Liebe zwischen zwei jungen Männern vor einer malerischen Kulisse - was nach einer Kopie von Luca Guadagninos gefeiertem Coming-of-Age-Drama „Call Me by Your Name“ klingt, ist die Verfilmung eines bereits 1982 veröffentlichten Romans, den der französische Autorenfilmer François Ozon nun für die große Leinwand adaptiert hat.
 
Geschichte mit Leiche
 
Kenner von Ozons Filmografie wissen, dass der auch stets als Drehbuchautor auftretende Regisseur seine Geschichten nicht einfach geradlinig herunterspult. Vielmehr tauchen in seinen Werken oft selbstreflexive Schnörkel auf. Momente, in denen er plötzlich auf eine Metaebene wechselt, um den Aspekt des Erzählens selbst zu beleuchten oder die Grenzen zwischen Fantasie und Realität auszuloten.
 
Die Bühnenadaption „In ihrem Haus“, die von einem Französischlehrer handelt, der über die Texte eines Schülers in das Leben einer Familie eintaucht, ist ein schönes Beispiel für Ozons Interesse an raffinierten Vexierspielen. Seine jüngste, auf dem Aidan-Chambers-Roman „Tanz auf meinem Grab“ basierende Arbeit „Sommer 85“ hat mindestens eine Sache mit diesem um Thriller-Elemente angereicherten Drama gemeinsam. In beiden Fällen taucht ein schulischer Mentor auf, der einen Teenager dazu ermuntert, seine Erlebnisse und Beobachtungen in Textform zu gießen.
 
 
In „Sommer 85“ hat dieser Vorschlag allerdings einen ernsten Hintergrund. Dass in seine Schilderungen ein Toter vorkommen wird, erklärt uns der 16-jährige Protagonist Alexis (Félix Lefebvre) schon in seinen einleitenden Voice-over-Anmerkungen, während er von einem Polizisten durch ein Amtsgebäude begleitet wird. Anschließend springen wir in der Zeit zurück und erfahren, wie der Jugendliche seine erste große Liebe kennengelernt hat: Als er bei einem Segelausflug in ein plötzlich aufziehendes Unwetter gerät und die Kontrolle über sein Boot verliert, eilt ihm wie aus dem Nichts der etwas ältere David (Benjamin Voisin) – die spätere Leiche, wie Alexis betont – zu Hilfe.
 
Diese zufällige Begegnung, bei der schon ein leichtes Knistern in der Luft liegt, markiert den Beginn einer engen Freundschaft, die Davids aufgekratzte Mutter (Valeria Bruni Tedeschi) mit Freude erfüllt. Hat ihr Sohn den Tod seines Vaters in ihren Augen doch nie richtig verarbeitet. Alexis und David genießen den Sommer in vollen Zügen und kommen sich nach einem blutig endenden Jahrmarktbesuch erstmals richtig nahe.
 
01 ©2021 Wild Bunch Germany02 ©2021 Wild Bunch Germany03 ©2021 Wild Bunch Germany04 ©2021 Wild Bunch Germany
 
Atmosphärisch starke Momente
 
Der Film, der seine Romanze in ein etwas düstereres Licht taucht als der ähnlich gelagerte „Call Me by Your Name“, wechselt immer wieder fließend zwischen den gemeinsamen Unternehmungen der beiden jungen Männer und der Zeit danach, in der Alexis in Vorbereitung auf einen anstehenden Prozess anfängt, seine Erfahrungen niederzuschreiben. Im Rückblick schaut er auf seine Affäre und kommt dabei zu klugen Erkenntnissen wie dieser: Liebe hat viel mit Projektion zu tun. Häufig erfinden wir die Menschen, für die wir hemmungslos schwärmen.
 
Emotionale Kraft entfaltet Ozons in klare, sonnendurchflutete Bilder getauchtes Drama vor allem in den Momenten, die Alexis und David zusammen verbringen. Ungemein stimmungsvoll ist etwa ein Discobesuch, der mithilfe der Rod-Stewart-Version von „Sailing“ ein herrlich entrücktes Gefühl heraufbeschwört. An anderer Stelle wird das Lied noch einmal eine ähnlich mitreißende Rolle spielen. Die Empfindungen der Teenager fängt der Regisseur, nicht zuletzt dank der erfreulich natürlich agierenden Hauptdarsteller, überzeugend ein. Dass die Jungen grundverschiedene Typen sind, macht der Film schon über ihr Aussehen deutlich. Auf der einen Seite steht der niedliche, zurückhaltende Alexis, auf der anderen der Temperament und Wildheit ausstrahlende David, der nach dem Motto „Carpe Diem“ lebt. Ihre Gegensätzlichkeit, so viel sei verraten, wird irgendwann zu einem Problem für ihre leidenschaftliche Beziehung.
 
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„Sommer 85“ wartet mit einigen starken, eindringlichen Szenen auf, ist aber sicherlich nicht fehlerfrei. Besonders in der Charakterzeichnung hätte Ozon manchmal noch etwas präziser werden können. Alexis‘ Interesse für den Tod, das er schon früh erwähnt, ist beispielsweise nur schwer greifbar. Darüber hinaus schlägt der französische Filmemacher gelegentlich irritierende Töne an. Merkwürdig erscheint unter anderem das leicht übergriffige Verhalten, das Davids Mutter an den Tag legt. „Sommer 85“ erreicht nicht die Tiefe und die Feinfühligkeit des oben erwähnten Dramas „Call Me by Your Name“, erzählt seine bittersüße Liebesgeschichte aber durchaus mit Verve und Gespür für atmosphärische Akzente.
 
Fazit
 
Den Sommer des Jahres 1985 verbringt man gerne mit Ozon, auch wenn seine Romanverfilmung nicht zu den besten Werken seiner bisherigen Karriere zählt.
 
 
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