*** Parallele Mütter ***

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*** Parallele Mütter ***


 
dfdh kritik
 
Autor: Walter Hummer
 
In Pedro Almodóvars besten Filmen zeigte er immer starke Frauen. Und Penélope Cruz zeigte einige der stärksten Leistungen ihrer Karriere in Filmen dieses Regisseurs. Nun haben diese beiden großartigen Künstler wieder einen Film zusammen gemacht …
 
Summertime and the livin‘ is easy …
 
Janis ist um die Vierzig und eine erfolgreiche Fotografin. Sie hat eine Beziehung mit einem verheirateten Mann und als sie schwanger wird entscheidet sie, die selbst ohne Vater aufgewachsen ist, ihr Kind alleine zu erziehen. Im Krankenhaus lernt sie die siebzehnjährige Ana kennen. Die Situation der jungen Frau ist sehr viel schwieriger als Janis‘. Die beiden Frauen entbinden gleichzeitig und haben vor, nach ihrer Entlassung aus dem Krankenhaus in Kontakt zu bleiben. Und das Schicksal führt sie auch wieder zusammen …
 
Während und auch noch geraume Zeit nachdem ich „Parallele Mütter“ gesehen habe, musste ich immer wieder daran denken, was dieser wunderbare, großartige Film alles NICHT ist, was er alles NICHT tut. Dieser Film ist kein „tearjerker“, eines dieser Dramen, die ihr Publikum zu Tränen manipulieren. Dieser Film zeigt uns realistische Charaktere in realistischen Situationen. Wenn die Figuren traurig oder verzweifelt sind, dann sind sie das aus nachvollziehbaren Gründen. Und weil alle diese Figuren von großartigen Schauspielern verkörpert werden, können wir diese tief empfundene Traurigkeit oder Verzweiflung mit ihnen fühlen. Wenn wir im Kinosaal weinen, dann wegen echter Gefühle und nicht wegen schmalziger Musik oder künstlicher Tränen in Nahaufnahme.
 
 
Dieser Film ist nie oberflächlich, er macht es sich nie einfach. Und doch vermittelt er uns seine anspruchsvollen Themen ganz natürlich, ohne künstliche Dramatik. Nichts wirkt inszeniert. Wir sehen die Figuren, ihren Lebensraum und alles was passiert als würden wir mittendrin stehen und das Geschehen vor Ort beobachten. Wie im echten Leben haben Kleinigkeiten hier oft große Bedeutung, etwa wenn eine Figur Cognac verlangt und eine andere kurz danach Erdbeereis bestellt. Ein Baum auf einem Balkon verrät uns etwas über eine weitere Figur. Almodóvar war immer schon ein Meister des Visuellen. Aber in diesem Film zeigt er uns die interessantesten und schönsten Bilder, die wir dieses Jahr im Kino sehen werden.
 
Dabei will er uns nie mit der Schönheit seiner Bilder beeindrucken. In einer Zeit, in der Filme wie „Dune“ mit ihren ohnehin künstlichen Bildern angeben, sollten wir alle so bald als möglich eine Karte für „Parallele Mütter“ kaufen, um sicher zu gehen, dass wir noch nicht abgestumpft sind. Ja, wir können noch echte Schönheit auf der Leinwand erkennen. Ja, wir können noch erkennen, wie Almodovar selbst Orte wie ein Krankenhaus mit Farbe und Licht und damit mit Leben erfüllt. Ja, wir können noch subtile visuelle Botschaften aufnehmen, wenn wir die wunderschön bewachsene Terrasse von Janis‘ Wohnung in Madrid sehen und die Verbindung dieser Figur zwischen Land und Stadt vermittelt bekommen.
 
Your daddy’s rich and your ma is good looking …
 
Dieser Film ist nicht bloß ein Liebesfilm, bei dem es darum geht, ob die Protagonisten am Ende zueinander finden. Aber dieser Film handelt von Liebe. Er ist erfüllt von Liebe und Zuneigung in all ihren Formen. Er zeigt, dass all diese Formen wichtig, natürlich und schön sind, egal ob es sich um eine Affäre, eine Partnerschaft oder um die Liebe zu einem Kind handelt. Wenn zwei gesunde Erwachsene in drei kurzen Szenen vom Kennenlernen zum Sex in einem Hotelzimmer gelangen, wirkt das in diesem Film weder anstößig noch verrucht. Diese Entwicklung wird uns einfach nur als natürlich und schön vermittelt. Später kommen zwei Menschen, die ohnehin bereits viel teilen, einander noch näher und beginnen eine intime Beziehung. Und auch das wirkt einfach nur natürlich und schön. Und natürlich und schön ist es auch, wenn sich am Ende des Films die Beziehungen wieder verändert und weiterentwickelt haben.
 
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Dieser Film hat nicht bloß ein Thema das er uns zwei Stunden vorführt. Er ist so vielschichtig und kompliziert wie das Leben selbst. Reale Menschen haben meistens nicht bloß ein Problem, sie genießen nicht den Luxus sich immer bloß mit einem Handlungsstrang beschäftigen zu müssen. Daher handelt dieser Film von Liebe, von Verlust, von Trauma, von Zärtlichkeit, von Nähe und von vielen weiteren Themen, die uns Menschen wichtig sind. Dieser Film zeigt nicht bloß zwei alleinerziehende Mütter. Dieser Film nimmt sich die Zeit uns ganz unaufdringlich zu vermitteln, warum die Frauen im Film so agieren wie sie es tun.
 
Dabei ist der Film nicht bloß einfach ein Drama über Mutterschaft. Er ist ein Liebesfilm der ganz besonderen Art, wenn er zeigt, wie Liebe sich entwickeln und verändern kann. Er ist ein Psychogramm einer intelligenten Frau, die von Ängsten getrieben wird. Er ist das sozialkritische Drama einer jungen Frau, der Furchtbares widerfahren ist. Er ist ein gesellschaftskritischer Film, wenn er Spaniens dunkle Vergangenheit behandelt, über die im Land kaum je gesprochen wird. Dieser Film ist ein psychologischer, ja fast ein psychotherapeutischer Film, wenn er uns zeigt wie die Traumata der Kindheit das Handeln Erwachsener beeinflussen, so wie das Trauma eines Volkes auch Jahrzehnte später diese Gesellschaft beeinflusst.
 
So hush, little baby, don’t you cry
 
Dieser Film ist kein Star-Vehikel, in dem ein oder zwei bekannte Gesichter die Handlung tragen und der Rest der austauschbaren Besetzung bloß Stichworte geben darf. Hier ist jede noch so kleine Nebenrolle hervorragend besetzt. Almodóvars langjährige Weggefährtin Rossy de Palma ist wieder in einer dieser wichtigen Nebenrollen zu sehen, die sie wie nebenbei mit so viel Leben füllen kann, dass sie den emotionalen Anker des Films bildet.
 
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Israel Elejalde ist außerhalb Spaniens nur wenig bekannt. Er spielt die undankbare Rolle von Janis‘ Liebhaber als intelligenten Menschen mit echten Sorgen und Problemen. Eine heikle Szene, in der seine Figur Zweifel aussprechen muss, hätte mit einem anderen Darsteller leicht schief gehen können. Elejaldes Darstellung lässt uns echte Bedenken erkennen und Sympathie für die Figur empfinden, wo wir einen geringeren Schauspieler vermutlich abgelehnt hätten.
 
Aitana Sánchez-Gijón („Dem Himmel so nah“) spielt eine auf den ersten Blick kaltherzige, egozentrische Person. Wenn ihre Figur furchtbar unsensible Dinge tut oder sagt, wenn sie ihre Tochter immer wieder verletzt, lässt Sánchez-Gijón doch immer wieder eine selbst zutiefst verletzte Frau erkennen, sodass wir ihre Handlungen bald nachvollziehen können.
 
Die noch recht unbekannte Schauspielerin Milena Smit zeigt in diesem Film eine beachtliche Leistung. In der Szene, in der die junge Ana ihr Kind zur Welt bringt vermittelt sie uns innerhalb weniger Sekunden eine Entwicklung von tiefster Verzweiflung zu reiner Freude. Im Verlauf des Films lässt Smit ihre Figur von einem verängstigten Mädchen zu einer erwachsenen Frau wachsen. Wir sehen hier nicht einfach eine Figur in einem Film agieren, wir werden hier Zeuge wie ein Mensch emotional reift.
 
Aber Milena Smits beeindruckende Leistung verblasst neben dem, was vermutlich immer eine der größten Leistung in Penélope Cruz‘ Karriere und sicher eine der größten darstellerischen Leistungen dieses Jahres weltweit bleiben wird. Auch hier muss man wieder daran denken, was dieser Film NICHT ist. Cruz hat ihren Oscar 2009 für ihre Tour-de-Force als emotional instabile Künstlerin in „Vicky Cristina Barcelona“ bekommen. Und auch wenn wir ihr diese Auszeichnung vom Herzen gönnen, müssen wir doch feststellen, wie viel subtiler, wie viel mutiger, wie viel reifer und anspruchsvoller, wie viel homogener und realistischer ihr Darstellung der Janis hier ist.
 
Cruz spielt ihre Figur nicht einfach. Cruz IST Janis. Sie IST eine professionelle Fotografin. Sie IST eine hingebungsvolle Mutter. Sie IST eine leidenschaftliche Liebhaberin. Sie IST eine starke, alleinstehende Frau. Cruz IST ängstlich, sie IST verzweifelt, sie IST traurig. Sie FÜHLT all diese Emotionen und wir fühlen diese Emotionen mit ihr.
 
Wenn sie ihren Liebhaber von sich stößt, ist das nicht logisch aber emotional stimmig. Wenn sie die junge Ana in ihr Haus aufnimmt, ergibt das für sie Sinn. Und wenn sich ihre Beziehung zu Ana verändert, können wir diese Veränderung jederzeit nachvollziehen. Man muss diesen Film zweimal sehen. Einmal um Penélope Cruz‘ Darstellung auf sich wirken und sich davon mitreißen zu lassen. Und ein zweites Mal, um würdigen zu können, wie subtil und doch großartig Cruz hier arbeitet. Penélope Cruz zeigt hier eine durch und durch beeindruckende Leistung.
 
Fazit
 
Ein packendes und doch immer realistisches Drehbuch ohne künstliches Drama, verfilmt von einem Meister des Lichts und der Farben, der keine billigen Tricks oder Schaueffekte nötig hat und großartige, stets natürlich agierende Darsteller ergeben etwas Rares und Besonderes: einen praktisch perfekten Film über Menschen, die im Film so selten realistisch gezeigt werden: starke Frauen.
 
 
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