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Kritik: A Haunting in Venice

sub kritik
 
Autor: Walter Hummer
 
Bereits zweimal hat Kenneth Branagh Vorlagen Agatha Christies aufwendig filmisch aufgewertet und damit Erfolg gehabt. Wird ihm das auch zum dritten Mal gelingen?
 
Somebody will have to pay
 
Es folgt nicht bloß die Inhaltsangabe des neuen Films von Kenneth Branagh, sondern die Inhaltsangabe von 90% des Werks von Agatha Christie: Jede Menge reiche Leute treffen irgendwo aufeinander. Alle haben mindestens ein Geheimnis. Der Detektiv ist aus irgendeinem Grund von Anfang an dabei. Dann geschieht ein Mord. Der Detektiv lässt sich von allen Anwesenden alles Mögliche erzählen und am Ende quatscht er die Leute mit der absurden Auflösung voll. Der oder die Täter*in oder Täter*innen fragen nie, ob es für diese Räuberpistole auch irgendwelche Beweise gibt, die vor Gericht Bestand hätten. Nein, Täter*in oder Täter*innen geben gleich alles zu und die Geschichte ist aus.
 
Einer der erfolgreichsten österreichischen Künstler des späten Zwanzigsten Jahrhunderts war Friedensreich Hundertwasser. Er war weit über die Grenzen seines Heimatlandes auch bei Menschen bekannt, die sich sonst kaum oder gar nicht für moderne Kunst interessierten. Wer vor zwanzig oder dreißig Jahren für wenig Geld Stil und Lebensart erkennen lassen wollte, hatte damals Jahr für Jahr einen Hundertwasser-Kalender an der Wand hängen. Wer mehr ausgeben wollte, besaß einen seiner Drucke.
 
 
Irgendwann war Hundertwasser so populär, dass er auch Gebäude und Gebrauchsgegenstände (mit-)gestaltete. Die Qualität des malerischen und grafischen Werks Hundertwasser ist unbestritten. Aber wer sich die vielen Hundertwassergebäude kritisch ansieht, wird irgendwann feststellen, wie viele von ihnen ziemlich konventionelle Gebäude sind, die bloß mit den typischen Hundertwasserelementen (Zwiebeltürmchen, krumme Linien und bauchige Formen an den Oberflächen, bunte und vor allem goldene Applikationen) aufgewertet wurden um dann hübscher auszusehen.
 
Dabei schien es Hundertwasser irgendwann recht gleichgültig zu sein, was man ihn behübschen ließ. In Wien steht eine von Hundertwasser umgestaltete Müllverbrennungsanlage. An der Substanz wurde nichts verändert. Aber diese Müllverbrennungsanlage ist mit ihren Zwiebeltürmchen, ihren krummen Linien und bauchigen Formen an den Oberflächen und mit ihren bunten und vielen goldenen Applikationen die hübscheste Müllverbrennungsanlage, die ich kenne. Als Hundertwasser ein Ausflugsschiff umgestalten durfte, versah er das ansonsten unveränderte Schiffchen mit kleinen goldenen Zwiebeltürmchen und bunten Applikationen. Krumme Linien und bauchige Formen hätten die Seetüchtigkeit des Schiffs beeinträchtigt. Vermutlich ist es Hundertwasser nicht leicht gefallen, darauf zu verzichten.
 
Sein Thermalbad, seine Kindertagesstätte, seine Kirche und andere Gebäude bestechen alle durch Zwiebeltürmchen, krumme Linien und bauchige Formen an den Oberflächen und jede Menge bunte und vor allem goldene Applikationen. Die von Hundertwasser gestaltete öffentliche Bedürfnisanstalt habe ich mir nicht ausgedacht, es gibt sie wirklich. Ich habe sie bisher nicht persönlich gesehen. Aber auf Bildern erkennt man Zwiebeltürmchen, krumme Linien und bauchige Formen an den Oberflächen und durchaus bunte und vor allem goldene Applikationen. Achtung! (Verfasser schnippt mit den Fingern, um die Leser*innen aufzuwecken) Nach diesem Exkurs in die angewandte Kunst geht es nun wieder um den Regisseur des Films „A Haunting in Venice“! Aufpassen!
 
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You saw! You know!
 
Kenneth Branagh war bereits in jungen Jahren ein gefeierter Shakespeare-Darsteller. Seine Bühnenwirkung wurde mit der von Laurence Olivier verglichen, weshalb er nicht nur bereits mit gerade mal zweiundzwanzig Jahren den nach Olivier benannten britischen Schauspielpreis verliehen bekommen hat. Branagh durfte auch, wie Olivier selbst, Shakespeares „Henry V“ auf die Leinwand bringen. Wie auch Laurence Olivier, spielte er selbst die Titelrolle in seinem Regiedebüt.
 
Aber wo Laurence Olivier das Beste von Theater und Film zu einem wunderschönen Ganzen kombinierte, dem Zuseher die Möglichkeit gab, die Mimik und Gesten der Darsteller in Nahaufnahmen zu sehen und auch mal leise Töne zu hören, bereicherte Branagh Shakespeares Drama vor allem um visuelle Opulenz. Branaghs Leistung als Darsteller in dem Film ist großartig. Aber als Regisseur hat er es vor allem krachen lassen.
 
Danach hat Branagh Shakespeares „Viel Lärm um Nichts“ inszeniert und Publikum und Kritik nicht nur mit atemberaubend schönen Landschaftsbildern der Toskana sondern auch mit einigen der attraktivsten Charakterdarsteller*innen der frühen Neunziger geblendet. In „Mary Shelley’s Frankenstein“ tobt der halbnackte Wissenschaftler durch ein Labor, das wie eine Kathedrale wirkt und eine feenhafte Helena Bonham Carter tanzt und verbrennt in historischen Settings, damit niemand merkt, wie wenig Neues Branagh zur Geschichte und den Figuren der großartigen Vorlage eingefallen ist.
 
Hallo!! (lautes Händeklatschen) Ich bitte um Aufmerksamkeit! Wir kommen jetzt gleich zum aktuellen Film. Gleich sind wir so weit. Ich bitte noch um ein wenig Geduld.
 
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Branaghs Muster, bestehendes Material durch Opulenz aufzuwerten, zieht sich durch sein gesamtes Werk als Regisseur. Vor sechs Jahren ließ er den Orientexpress durch Landschaften fahren, die es vielleicht in Mittelerde gibt, aber nirgendwo entlang der Strecke dieses Zugs, bevor die Protagonisten dann auf der älteren Schwester der Golden-Gate-Bridge rumturnen mussten. Und das alles, um davon abzulenken, dass die erste Verfilmung aus dem Jahr 1974 bis heute perfekt ist. Erst letztes Jahr ließ Branagh dann ein prachtvolles Schiff voller wunderschöner Menschen an ägyptischen Landschaften vorbeiziehen, die selbst zur Zeit der Pharaonen nicht so wunderschön aussahen wie in diesem Film.
 
So wie Friedensreich Hundertwasser seine Gebäude und Gegenstände mehr oder weniger immer auf die gleiche Art „behübscht“ hat, so hat Kenneth Branagh die von ihm inszenierten Filme, die fast ausnahmslos immer Verfilmungen bereits bestehender Vorlagen waren, mehr als drei Jahrzehnte mehr oder weniger immer auf die gleiche Art „opulentisiert“. Und dann muss etwas passiert sein, womit keiner rechnen konnte. Kenneth Branagh muss sein eigenes Muster erkannt haben! Und er versucht es mit „A Haunting in Venice“ zu durchbrechen!
 
Denn statt das ganze Setting wieder so opulent als möglich zu gestalten, gestaltet er es diesmal so düster als möglich. Zunächst beginnt der Film, wie man es von einem Kenneth-Branagh-Film erwarten würde. Hercule Poirot lebt in einem Palazzo in Venedig, der bereits 1947 ungefähr so viel gekostet haben muss wie Luxemburg. Wir bekommen gezeigt, wie er sich weigert neue Fälle anzunehmen. Warum wird im Film nie so richtig erklärt und auch nicht, wovon der Detektiv dann seinen lächerlich opulenten Lebensstil bestreitet.
 
Es bleibt noch opulent, wenn jeder Gast ihn einer eigenen Gondel zu einer Party in einem verfluchten und düsteren Palazzo anreist. Dieser Palazzo ist nicht einfach nur düster. Er ist beschissener beleuchtet als die Höhle von „The Batman“ (Robert Pattinson, nicht Adam West). Und weil Kenneth Branagh meine Kritik zu „The Boogeyman“ nie gelesen hat, hat er die Dunkelheit genutzt um diesmal statt eines Krimis so etwas Ähnliches wie einen Gruselfilm zu drehen.
Autor Michael Green hat viel Erfahrung darin, Drehbücher auf der Grundlage vorhandenen Materials zu verfassen. Mit „Logan - The Wolverine“ ist ihm das großartig gelungen. Seine Adaptionen von „Tod auf dem Nil“ und „Ruf der Wildnis“ funktionierten durchaus. Aber Green hat auch an den Drehbüchern von „Blade Runner 2049“, „Alien: Covenant“ und „Green Lantern“ mitgeschrieben. Und was er sich für „A Haunting in Venice“ ausgedacht hat, erinnert eher an „Blade Runner 2049“ als an „Logan - The Wolverine“.
 
Ich halte Agatha Christie seit langem für überschätzt. Wie erwähnt, laufen die Handlungen ihrer Bücher zu 90% nach dem gleichen Muster ab. Die Pläne ihrer Mörder sind immer unnötig kompliziert. Und ihre Figuren reden immer viel zu viel und geben damit unnötig viele Hinweise. Aber Michael Green schafft es mit seiner verworrenen, absurden und unentschlossenen Vielleicht-Grusel-Vielleicht-Auch-Nicht-Geschichte, dass man sich die Formelhaftigkeit Agatha Christies zurückwünscht.
 
Die Handlung von „A Haunting Venice“ ist kompletter Unsinn. Nichts davon würde so oder so ähnlich funktionieren. Ich will nicht zu viel verraten. Aber die Identität der Person, die eine Erpressung betrieben hat, mit der eine andere, extrem wohlhabende Person innerhalb kurzer Zeit an den Rand des Ruins getrieben wurde, sorgt für einen der bizarrsten WTF-Momente der Filmgeschichte. Verglichen damit fallen die vielen anderen Ungereimtheiten dieses Films, wie italienische Kinder, die 1947 Halloween feiern oder ein Meisterdetektiv, der nicht kapiert, dass dampfendes Wasser heiß ist, kaum noch ins Gewicht.
 
There is so much pain here
 
Was bedeutet das für die Darsteller*innen, die eine lächerlich absurde Geschichte im Dunkeln darzustellen haben? Fast jeder und jede von ihnen haben in anderen Filmen gezeigt, was sie können. Hier bekommen sie dazu keinerlei Gelegenheit.
 
Die großartige Michelle Yeoh hat dieses Jahr den Oscar für „Everything Everywhere All At Once“ verliehen bekommen. Hier zieht sie eine Zirkusnummer ab. Tina Fey ist eine der witzigsten Frauen Hollywoods, hat aber in Filmen wie „Whiskey Tang Foxtrott“ auch ihr dramatisches Talent gezeigt. Hier spielt sie eine Rolle, die weder ihr komisches noch ihr dramatisches oder sonst irgendein Talent erkennen lässt.
 
Kelly Reilly hat in „Flight“ eine grandiose Leistung gezeigt. Hier erinnert ihre Darstellung leider an die von Elizabeth Taylor in „Mord im Spiegel“. Camille Cottin ist in Frankreich ein Star und hat bisher nur kleine Rollen in internationalen Filmen wie „House of Gucci“ gespielt. Hier muss sie ständig die richtigen Informationen zum richtigen Zeitpunkt aufsagen. Das wird ihr vermutlich nicht zum Durchbruch verhelfen.
 
Jamie Dornan konnte mich bisher in keinem Film von seinem Talent überzeugen. Das kann aber auch daran liegen, dass ich ihn bisher nur in furchtbaren Machwerken wie „Fifty Shades of Grey – Befreite Lust“ und „Robin Hood“ gesehen habe. Seine Rolle in „A Haunting in Venice“ ist ein weiterer Fehlgriff. Riccardo Scamarcio ist in Italien ein Star. Wir kennen in vielleicht aus „John Wick: Kapitel 2“. Sein Part als Leibwächter hier ist ein reines Handlungselement. Und genauso spielt Scamarcio diese Rolle auch.
 
Das einzig Bemerkenswerte an Kenneth Branaghs Gestaltung seiner Rolle des Hercule Poirot ist sein Schnurrbart. Der ist im neuen Film blond, obwohl er in den beiden vorangegangenen Filmen, die viele Jahre vorher spielen, grau war. Sonst gibt es über diese passable Imitation eines verwirrten, älteren Herren aus Belgien nicht viel zu sagen.
 
Fazit
 
Kenneth Branagh hat wieder einmal eine Geschichte mit Hercule Poirot mit enormem Aufwand filmisch aufgewertet. Dass er sich dabei nicht an eine Vorlage von Agatha Christie gehalten hat, war sein erster Fehler. Dass er sich nicht entscheiden konnte, ob das Ganze eine Gruselgeschichte sein sollte oder nicht, war sein zweiter Fehler. Den Film fast völlig im Dunkeln spielen zu lassen, hat auch nicht geholfen.
 
 
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